Die Homepage der Künstlichen Niere Berchtesgaden-Almdialyse



1976, ein knappes Jahr nach der Eröffnung unserer Urlaubsdialysestation hier in Berchtesgaden entstand diese kleine Geschichte (nicht ganz von ungefähr) und war damals in der 5. Ausgabe des Jahres 1976 in der Zeitschrift ‘der Dialysepatient’ vom ‘Interessenverband der Dialysepatienten und Transplantierten in Deutschland (www.dialyse-online.de) zu lesen. Bis heute werde ich immer wieder mal darauf angesprochen. Hier ist sie deshalb also noch einmal, die Geschichte von der:



Dialyse auf der Alm
(Auf da Alm, da gibt’s a Dialys’n)
Ein Tag in einer Feriendialyse in den bayerischen Alpen



Beim ersten Hahnenschrei und wenn die ersten Sonnenstrahlen die Schnee bedeckten Gipfel und Felsen hoch droben schon in gleißendes Licht tauchen, steht er immer auf, der alte Doktor von der Alpendialyse, schlüpft in seine Lederhose und setzt sein zünftiges von einem mächtigen Gamsbart geziertes Hütchen auf. Dann geht er vor die Tür der Dialysehütte und lässt einen sauberen Jodler hinab ins stille Tal, das noch tief unten im Dunkel liegt.

Dies ist das Zeichen für den Pfleger Seppl, der daraufhin ebenfalls in seine Lederne schlüpft und nun herzhaft fluchend im grauenden Morgen die Kammer seiner Herzallerliebsten durchs Fenster über die am Vorabend angelegte Leiter verlässt. "Na, Diandl, heit musst dein Mus alleinig essen, ich hab kein derweil mehr, pfüati God bis auf die N acht!" Er eilt nun durch den erwachenden Bergwald zur Dialyse-Hütte hinauf, wo die Schwester Marei dem Doktor inzwischen grad die erste Maß Bier kredenzt und er ihr dabei zum Dank und nach urbayrischem Brauch herzhaft aufs Hinterquartier haut. Nun, eilig hat er’s zwar schon, der Pfleger Sepp, aber das Hirscherl, das ihm unterwegs zu seinem Dienstplatz grad noch vor den Lauf seines vom Großvater geerbten Wildererstutzen gerät, muss dennoch dran glauben. Und oben auf der Alm, wo man den von den Felswänden widerhallenden Kracher deutlich gehört hat, lacht der Doktor, patscht sich auf die Schenkel und freut sich schon jetzt auf ein saftiges Hirschgulasch zum Mittagessen.

Der lange Marsch und das Gewicht von dem über die Schulter getragenen Hirsch haben den Pfleger Seppl durstig gemacht, aber nach der zweiten Maß, die ihm das Marei einschenkt, kehren seine Kräfte wieder, und das Tagwerk kann beginnen. Nach altem Brauch, wie’s der Doktor von seinem Vater und der wieder von dessen Vater und auch schon der Ururururgroßvater von seinem Vater gelernt hat, werden nun die handgeschnitzten künstlichen ‘Nierdln’ hergerichtet. Das Marei schüttelt derweil die Strohlager für die Feriengäste tüchtig auf, und der Pfleger Seppl staubt die alte Heuwaage ab und sucht die Gewichte zusammen, weil ja die Dialysegäst’ ihr Gewicht auf 5 Kilo genau wissen woII’n. Der Doktor probiert grade einen Schluck vom neuen Dialysat, das er jeden Tag nach einem alten Hausrezept aus frischem Gebirgsquellwasser vom Brunnen vor der Hütte und allerhand geheimem Ingredienzien zusammenbraut: ,,Ja, gut ist’s wieder worden, aber ich glaub, noch ein bisserl Salz tät nicht schaden, was meinst, Seppl?" - ,,Mir ist meine Maß Bier lieber", grantelt der und macht demonstrativ gleich noch einen kräftigen Zug aus seinem Maßkrug: ,,Dene Dialysegäst kann man ja eh’ nichts recht machen, da is’ ja so gleich, was mir tun!" - "Geh zua, Seppi, wos bist den heit gor so zwider?, da, jetzt trinkst erst amoi an Enzian, nacha schaut die Welt glei’ wieder anders aus , wirst as sehn!", tröstet ihn das Marei und kredenzt ihm auch gleich ein Stamperl: "Zum Wohl , Seppi, lass gut sein, schwoab’s obi!" - "Ja, weil’s doch wahr ist und ....." - Aber das weitere schluckt er dann doch mit dem Enzian hinunter und wird wieder versöhnlicher gestimmt.

Schon kommen auch die ersten Sommerdialysler durch den Bergwald über die saftige Almwiese zur Dialysehütte heraufgestiegen - man hört sie schon von weitem an ihren astreinen, nicht vom bayerischen Dialekt verunzierten Jodlern und Juchzern, und beim Näherkommen kennt man sie auch gleich an ihren adretten Urlaubsuniformen und auch an den dazugehörigen hübschen Bergstöcken mit den mühevoll selbst aufgenagelten, geschmackvollen, farbigen Blechbildchen. Wenn sie die Hütte fast erreicht haben, ergreift der Doktor seine alte Zither und spielt darauf einen flotten Landler, zu dessen Harmonien das Marei und der Seppl tanzend, jodelnd und schuhplattelnd die Gäste vor der Dialysehütte gebührend empfangen. ,,Schnell noch eine Maß, Marei, bevor mir es packen", ruft der Doktor, "und einen Zweistöckigen dazu, weil ich ein Zielwasser brauch zum Stechen."

Bedächtig prüft inzwischen der Pfleger Seppl nochmals mit dem Daumen, ob auch die Nadeln noch scharf genug sind, und wo es nötig ist, wird den gröbsten Widerhaken mit dem Sensenwetzstein zu Leibe gerückt. Auch die kleinsten Rostflecken lassen sich an einer richtigen Seppelhose wunderbar wegpolieren. Schließlich soll ja alles bestens in Ordnung sein für die Feriengäst’. Dann lasst er das Wasser des Bergbaches über die hölzerne Rinne auf die Schaufeln des großen Wasserrades, das hier die Dialysemaschinen antreiben muss und die Schwester Marei legt schnell noch ein paar Holzscheite nach, damit "der Dialysat den richtigen Temperatur kriegt", wie sie immer sagt. Und beim Wiegen der Gäste muss der Seppl höllisch aufpassen, dass er keins von den schweren Gewichten auf seine oder die Zehen der Gäste fallen lässt, das tät’ sekrischweh, und die Zehen wären vier Wochen blau, wie der Seppl schon oft selbst in Erfahrung gebracht hat. Dann beginnt wieder einmal ein echter Feriendialysetag in den Bayrischen Bergen.

Die Feriendialysler, großteils alte Heimdialysehasen, wissen natürlich über die Unzulänglichkeiten der Alpendialysen genauestens Bescheid. Sie wissen ebenso, dass im Bayernland der Doktortitel nicht etwa wie anderswo durch ein schwieriges und langwieriges Medizinstudium erworben werden kann, sondern schon seit Maria Theresia und später huldvollst bestätigt von seiner Majestät König Ludwig II, als Lehensrecht auf dem jeweiligen Haus liegt und so automatisch immer auf den erstgeborenen Sohn übertragen wird. Seit einigen hundert Jahren liegt so schon, wie ein alter, schon vergilbter Lehensbrief beweist, das Recht, Urlaubsgäste zu dialysieren, auf dieser Hütte und somit beim jeweiligen Betreiber dieser kleinen Alpendialyse. Die Gäste wissen inzwischen auch, dass die beiden, von der Zivilisation noch weitgehend unbeleckten, Hilfen des Doktors, die Schwester Marei und der Pfleger Seppl, von klein auf bis vor wenigen Jahren als Sennerin und Senn auf der Alm das Vieh gehütet haben (wenn man vom Schmuggeln und Wildern einmal absieht), bis sie schließlich vor einigen Jahren, nach altem Brauch, an ,,Maria Lichtmeß", fest beim Doktor eingestanden sind.

Aber die Urlauber nehmen das alles nicht so tragisch. Mit viel Geduld zeigen sie den einfachen Leuten hier oben immer wieder in Theorie und Praxis, unterstützt von ihren Frauen und Kindern, wie man richtig dialysieren muss. Und viele bringen auch ihre Sachen mit, beispielsweise ganz neue, ungebrauchte Punktionsnadeln, teilweise sogar noch richtig steril. - Uih, wie die glänzen und funkeln, wenn man sie in die durch das kleine Fenster der Hütte hereingeirrten Sonnenstrahlen hält! Mit offenen Mündern, geradezu ehrfürchtig bestaunen der Doktor und das Marei die Wunderdinger, nur der Seppl ist skeptisch und grantelt wieder vor sich hin: "Jetzt san unsere guten Nadeln, die no da Dorfschmied, Gott hab ihn seelig, selm g’macht hat, schon über 30 Jahr im Haus, und allweil warn sie noch gut genug, was soll’n denn mir mit so einem neumodischen G’lump!" Aber die neue Zeit und der Fortschritt kommen mit den Dialysegästen unaufhaltsam auf die kleine Alpendialyse zu, daran wird auch der Seppl nichts mehr ändern können. "Jo mei", meint da das Marei bloß, "dadermit werden mir schon leben müssen, dös kannst du a nimma ändern! Die san doch a soviel schön! Also mir g’falln’s!" Denn wenn sie nicht gerade die Maßkrüge vom Doktor oder vom Seppl nachfüllen muss oder mit dem Knödlbrotschneiden fürs Mittagessen zu tun hat, lauscht sie den ausführlichen Schilderungen der Gäste, die ihr nicht ganz ohne Mitgefühl von den paradiesischen und märchenhaft schönen Dialysen bei ihnen zu Hause erzählen. Andächtig hören auch der Doktor und der Seppl von ihrem Biertisch in der Ecke zu. Und oft genug senkt der Doktor bescheiden, verlegen und wohl auch ein wenig beschämt seinen Kopf, und der Seppl schüttelt den seinen voller Staunen mit weit offenem Mund und vergisst ganz aufs trinken und glaubt mir, das will bei ihm schon was heißen.

,,Wie gut sie es doch alle mit uns Gebirglern meinen. Ach, wenn man all das doch nur selbst einmal sehen könnte", denkt der Doktor bei sich, der ja zeitlebens kaum einmal über die Gemeindegrenzen hinausgekommen ist. Wie dankbar muss er da noch diesen Dialysegästen sein, die ihm hier so uneigennützig stets aufs neue und unermüdlich etwas von ihrem so überreichen Wissensschatz zukommen lassen und ihn mit vielen guten Ratschlägen in die Geheimnisse der Dialysekunst einzuweihen versuchen. Doch, ja, sie nehmen sich wirklich viel Zeit und legen weiß Gott eine Engelsgeduld an den Tag, wenn es darum geht, den Gebirglern hier oben etwas beizubringen. Einmal erklären reicht ja meistens nicht, aber wenn man’s jede Dialyse drei, vier Mal macht, bleibt am Schluss doch was hängen.

Bei allem Lerneifer darf der Doktor dennoch dabei seine Arbeit nicht ganz vergessen. Es muss schon alles seine Ordnung haben. "Gut zwei schmerzhafte Rosenkränze", gibt ihm daher Schwester Marei zur Antwort, als er sie fragt, wie lang denn die Gerinnungszeit heut ist. - "Nacha derfst noch eine Zeit warten mitn Heparin spritzen, aber wann es weniger wie drei Vater-Unser dauert, musst mir’s fei sagen, gell, und dann schaugst amal naus, wie hoch die Sonn schon steht, dass mir wissen wann mir aufhör’n können und wann’s zum Essen ist und nachheizen werst fei auch noch mal müssen und du Sepp, machst derweil das Wasserradl sauber, schaug hin, es läuft ja gar nimma g’scheid!" "Ja gleich, Dokta, aber erst brauch i no a Maß, sonst geht da nix!"

"Ja, ja, ist schon recht! A so pressiert’s ja a wieder net. Noch geht es ja um. Mari mir bringst a no a Maß, gell!"
Und doch scheinen wohl manche der Gäste zu ahnen, wie peinlich es dem Doktor, dem Pfleger Seppl und der Schwester Marei sein muss, weil diese armen Leute hier so manches nicht kennen und so vieles nicht begreifen können. Einige Sommerdialysler haben daher schon fast ein schlechtes Gewissen und versuchen daher ihre geistige Überlegenheit geschickt zu verbergen. Nach dem Motto, mit den Wölfen muss man heulen, legen sie ein uriges Verhalten an den Tag und versuchen sich zumindest nach außen der bayrischen Mentalität weitgehend anzupassen. Und das wirkt! Man kann sich also halbnackt auf seinem Strohlager wälzen und die behaarte Brust zeigen, man kann urige Laute au sstoßen, man kann der Schwester mit der freien Hand hinten draufklopfen oder ihr wenigstens quer durch den Raum zärtliche Worte ins Ohr raunen. Auch mit ein paar laut intonierten deftigen Schnaderhüpfln und Jodelversuchen erobern sie sich die Herzen dieser einfachen Leute im Nu. Oder man unterhält alle durch kernige Witzchen und Anekdötchen über die Bayern im allgemeinen und bayerisches Dialysepersonal im besonderen. Und wenn die Pointen dabei nicht zu schwer zu begreifen sind, dann muss sogar der Seppl so lachen, dass er sich am Bier verschluckt und sich vor Vergnügen so auf seine nackten Oberschenkel haut, dass dort noch lange die roten Abdrücke seiner gutentwickelten Maßkrughalter zu sehen sind. Alle sind nun wieder fröhlich und lustig - fast alle!

Denn anderen Dialysegästen wiederum mag vielleicht das Bayerische nicht so sehr liegen oder, wer weiß, sie haben das Gelübde abgelegt, nicht eher wieder zu lachen oder ein Wort zu sprechen, als bis sie einigermaßen heil an Leib und Seele von der Urlaubsdialyse in den Alpen in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Ja, sie kommen schon grußlos zur Hüttentür herein, legen sich gottergeben auf ihr Lager und warten aufs Ende - - - der Dialyse. Nur das Marei behauptet, sie hätte schon gelegentlich beim Abschätzen des Blutdrucks, wenn sie ganz nahe neben ihnen gestanden ist, ein Stoßgebet murmeln hören: Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie diese da! Aber sie wird sich wohl getäuscht haben.

Schließlich ist es doch eine alte und unbestrittene Tatsache: ,,Keine Kohle, kein Feuer kann brennen so heiß wie die heimliche Liebe zwischen Bayern und ,,Preiß"!

Nun wird vielleicht noch mancher wissen wollen, wo sie denn nun zu finden ist diese idyllische Feriendialyse in den bayerischen Bergen. ----

Gott sei Dank, oder leider, wie man will, es gibt sie nicht, weil die ganze Geschichte natürlich nur ein Märchen ist. Aber man weiß ja, dass vielen Märchen ein wahrer Kern zu Grunde liegt und, kann man’s wissen, vielleicht auch diesem?

H. Lackner
kgl. bayrischer Dialysepfleger

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