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Beim ersten Hahnenschrei und wenn die ersten Sonnenstrahlen die Schnee
bedeckten Gipfel und Felsen hoch droben schon in gleißendes Licht
tauchen, steht er immer auf, der alte Doktor von der Alpendialyse,
schlüpft in seine Lederhose und setzt sein zünftiges von einem mächtigen
Gamsbart geziertes Hütchen auf. Dann geht er vor die Tür der
Dialysehütte und lässt einen sauberen Jodler hinab ins stille Tal, das
noch tief unten im Dunkel liegt.
Dies ist das Zeichen für den Pfleger Seppl, der daraufhin ebenfalls in
seine Lederne schlüpft und nun herzhaft fluchend im grauenden Morgen die
Kammer seiner Herzallerliebsten durchs Fenster über die am Vorabend
angelegte Leiter verlässt. "Na, Diandl, heit musst dein Mus alleinig
essen, ich hab kein derweil mehr, pfüati God bis auf die N acht!" Er
eilt nun durch den erwachenden Bergwald zur Dialyse-Hütte hinauf, wo die
Schwester Marei dem Doktor inzwischen grad die erste Maß Bier kredenzt
und er ihr dabei zum Dank und nach urbayrischem Brauch herzhaft aufs
Hinterquartier haut. Nun, eilig hat er’s zwar
schon, der Pfleger Sepp, aber das Hirscherl, das ihm unterwegs zu seinem
Dienstplatz grad noch vor den Lauf seines vom Großvater geerbten
Wildererstutzen gerät, muss dennoch dran glauben. Und oben auf der Alm,
wo man den von den Felswänden widerhallenden Kracher deutlich gehört
hat, lacht der Doktor, patscht sich auf die Schenkel und freut sich
schon jetzt auf ein saftiges Hirschgulasch zum Mittagessen.
Der lange Marsch und das Gewicht von dem über die Schulter getragenen
Hirsch haben den Pfleger Seppl durstig gemacht, aber nach der zweiten
Maß, die ihm das Marei einschenkt, kehren seine Kräfte wieder, und das
Tagwerk kann beginnen. Nach altem Brauch, wie’s der Doktor von seinem
Vater und der wieder von dessen Vater und auch schon der
Ururururgroßvater von seinem Vater gelernt hat, werden nun die
handgeschnitzten künstlichen ‘Nierdln’ hergerichtet. Das Marei schüttelt
derweil die Strohlager für die Feriengäste tüchtig auf, und der Pfleger
Seppl staubt die alte Heuwaage ab und sucht die Gewichte zusammen, weil
ja die Dialysegäst’ ihr Gewicht auf 5 Kilo genau wissen woII’n. Der
Doktor probiert grade einen Schluck vom neuen Dialysat, das er jeden Tag
nach einem alten Hausrezept aus frischem Gebirgsquellwasser vom Brunnen
vor der Hütte und allerhand geheimem Ingredienzien zusammenbraut: ,,Ja,
gut ist’s wieder worden, aber ich glaub, noch ein bisserl Salz tät nicht
schaden, was meinst, Seppl?" - ,,Mir ist meine Maß Bier lieber",
grantelt der und macht demonstrativ gleich noch einen kräftigen Zug aus
seinem Maßkrug: ,,Dene Dialysegäst kann man ja eh’ nichts recht machen,
da is’ ja so gleich, was mir tun!" - "Geh zua, Seppi, wos bist den heit
gor so zwider?, da, jetzt trinkst erst amoi an Enzian, nacha schaut die
Welt glei’ wieder anders aus , wirst as sehn!", tröstet ihn das Marei
und kredenzt ihm auch gleich ein Stamperl: "Zum Wohl , Seppi, lass gut
sein, schwoab’s obi!" - "Ja, weil’s doch wahr ist und ....." - Aber das
weitere schluckt er dann doch mit dem Enzian hinunter und wird wieder
versöhnlicher gestimmt.
Schon kommen auch die ersten Sommerdialysler durch den Bergwald über die
saftige Almwiese zur Dialysehütte heraufgestiegen - man hört sie schon
von weitem an ihren astreinen, nicht vom bayerischen Dialekt
verunzierten Jodlern und Juchzern, und beim Näherkommen kennt man sie
auch gleich an ihren adretten Urlaubsuniformen und auch an den
dazugehörigen hübschen Bergstöcken mit den mühevoll selbst
aufgenagelten, geschmackvollen, farbigen
Blechbildchen. Wenn sie die Hütte fast erreicht haben, ergreift der
Doktor seine alte Zither und spielt darauf einen flotten Landler, zu
dessen Harmonien das Marei und der Seppl tanzend, jodelnd und
schuhplattelnd die Gäste vor der Dialysehütte gebührend empfangen.
,,Schnell noch eine Maß, Marei, bevor mir es packen", ruft der Doktor,
"und einen Zweistöckigen dazu, weil ich ein Zielwasser brauch zum
Stechen."
Bedächtig prüft inzwischen der Pfleger Seppl nochmals mit dem Daumen, ob
auch die Nadeln noch scharf genug sind, und wo es nötig ist, wird den
gröbsten Widerhaken mit dem Sensenwetzstein zu Leibe gerückt. Auch die
kleinsten Rostflecken lassen sich an einer richtigen Seppelhose
wunderbar wegpolieren. Schließlich soll ja alles bestens in Ordnung sein
für die Feriengäst’. Dann lasst er das Wasser des Bergbaches über die
hölzerne Rinne auf die Schaufeln des großen Wasserrades, das hier die
Dialysemaschinen antreiben muss und die Schwester Marei legt schnell
noch ein paar Holzscheite nach, damit "der Dialysat den richtigen
Temperatur kriegt", wie sie immer sagt. Und beim Wiegen der Gäste muss
der Seppl höllisch aufpassen, dass er keins von den schweren Gewichten
auf seine oder die Zehen der Gäste fallen lässt, das tät’ sekrischweh,
und die Zehen wären vier Wochen blau, wie der Seppl schon oft selbst in
Erfahrung gebracht hat. Dann beginnt wieder einmal ein echter
Feriendialysetag in den Bayrischen Bergen.
Die Feriendialysler, großteils alte Heimdialysehasen, wissen natürlich
über die Unzulänglichkeiten der Alpendialysen genauestens Bescheid. Sie
wissen ebenso, dass im Bayernland der Doktortitel nicht etwa wie
anderswo durch ein schwieriges und langwieriges Medizinstudium erworben
werden kann, sondern schon seit Maria Theresia und später huldvollst
bestätigt von seiner Majestät König Ludwig II, als Lehensrecht auf dem
jeweiligen Haus liegt und so automatisch immer auf den erstgeborenen
Sohn übertragen wird. Seit einigen hundert Jahren liegt so schon, wie
ein alter, schon vergilbter Lehensbrief beweist, das Recht, Urlaubsgäste
zu dialysieren, auf dieser Hütte und somit beim jeweiligen Betreiber
dieser kleinen Alpendialyse. Die Gäste wissen inzwischen auch, dass die
beiden, von der Zivilisation noch weitgehend unbeleckten, Hilfen des
Doktors, die Schwester Marei und der Pfleger Seppl, von klein auf bis
vor wenigen Jahren als Sennerin und Senn auf der Alm das Vieh gehütet
haben (wenn man vom Schmuggeln und Wildern einmal absieht), bis sie
schließlich vor einigen Jahren, nach altem Brauch, an ,,Maria Lichtmeß",
fest beim Doktor eingestanden sind.
Aber die Urlauber nehmen das alles nicht so tragisch. Mit viel Geduld
zeigen sie den einfachen Leuten hier oben immer wieder in Theorie und
Praxis, unterstützt von ihren Frauen und Kindern, wie man richtig
dialysieren muss. Und viele bringen auch ihre Sachen mit, beispielsweise
ganz neue, ungebrauchte Punktionsnadeln, teilweise sogar noch richtig
steril. - Uih, wie die glänzen und funkeln, wenn man sie in die durch
das kleine Fenster der Hütte hereingeirrten Sonnenstrahlen hält! Mit
offenen Mündern, geradezu ehrfürchtig bestaunen der Doktor und das Marei
die Wunderdinger, nur der Seppl ist skeptisch und grantelt wieder vor
sich hin: "Jetzt san unsere guten Nadeln, die no da Dorfschmied, Gott
hab ihn seelig, selm g’macht hat, schon über 30 Jahr im Haus, und
allweil warn sie noch gut genug, was soll’n denn mir mit so einem
neumodischen G’lump!" Aber die neue Zeit und der Fortschritt kommen mit
den Dialysegästen unaufhaltsam auf die kleine Alpendialyse zu, daran
wird auch der Seppl nichts mehr ändern können. "Jo mei", meint da das
Marei bloß, "dadermit werden mir schon leben müssen, dös kannst du a
nimma ändern! Die san doch a soviel schön! Also mir g’falln’s!" Denn
wenn sie nicht gerade die Maßkrüge vom Doktor oder vom Seppl nachfüllen
muss oder mit dem Knödlbrotschneiden fürs Mittagessen zu tun hat,
lauscht sie den ausführlichen Schilderungen der Gäste, die ihr nicht
ganz ohne Mitgefühl von den paradiesischen und märchenhaft schönen
Dialysen bei ihnen zu Hause erzählen. Andächtig hören auch der Doktor
und der Seppl von ihrem Biertisch in der Ecke zu. Und oft genug senkt
der Doktor bescheiden, verlegen und wohl auch ein wenig beschämt seinen
Kopf, und der Seppl schüttelt den seinen voller Staunen mit weit offenem
Mund und vergisst ganz aufs trinken und glaubt mir, das will bei ihm
schon was heißen.
,,Wie gut sie es doch alle mit uns Gebirglern meinen. Ach, wenn man all
das doch nur selbst einmal sehen könnte", denkt der Doktor bei sich, der
ja zeitlebens kaum einmal über die Gemeindegrenzen hinausgekommen ist.
Wie dankbar muss er da noch diesen Dialysegästen sein, die ihm hier so
uneigennützig stets aufs neue und unermüdlich etwas von ihrem so
überreichen Wissensschatz zukommen lassen und ihn mit vielen guten
Ratschlägen in die Geheimnisse der Dialysekunst einzuweihen versuchen.
Doch, ja, sie nehmen sich wirklich viel Zeit und legen weiß Gott eine
Engelsgeduld an den Tag, wenn es darum geht, den Gebirglern hier oben
etwas beizubringen. Einmal erklären reicht ja meistens nicht, aber wenn
man’s jede Dialyse drei, vier Mal macht, bleibt am Schluss doch was
hängen.
Bei allem Lerneifer darf der Doktor dennoch dabei seine Arbeit nicht
ganz vergessen. Es muss schon alles seine Ordnung haben. "Gut zwei
schmerzhafte Rosenkränze", gibt ihm daher Schwester Marei zur Antwort,
als er sie fragt, wie lang denn die Gerinnungszeit heut ist. - "Nacha
derfst noch eine Zeit warten mitn Heparin spritzen, aber wann es weniger
wie drei Vater-Unser dauert, musst mir’s fei sagen, gell, und dann
schaugst amal naus, wie hoch die Sonn schon steht, dass mir wissen wann
mir aufhör’n können und wann’s zum Essen ist und nachheizen werst fei
auch noch mal müssen und du Sepp, machst derweil das Wasserradl sauber,
schaug hin, es läuft ja gar nimma g’scheid!" "Ja gleich, Dokta, aber
erst brauch i no a Maß, sonst geht da nix!"
"Ja, ja, ist schon recht! A so pressiert’s ja a wieder net. Noch geht es
ja um. Mari mir bringst a no a Maß, gell!"
Und doch scheinen wohl manche der Gäste zu ahnen, wie peinlich es dem
Doktor, dem Pfleger Seppl und der Schwester Marei sein muss, weil diese
armen Leute hier so manches nicht kennen und so vieles nicht begreifen
können. Einige Sommerdialysler haben daher schon fast ein schlechtes
Gewissen und versuchen daher ihre geistige Überlegenheit geschickt zu
verbergen. Nach dem Motto, mit den Wölfen muss man heulen, legen sie ein
uriges Verhalten an den Tag und versuchen sich zumindest nach außen der
bayrischen Mentalität weitgehend anzupassen. Und das wirkt! Man kann
sich also halbnackt auf seinem Strohlager wälzen und die behaarte Brust
zeigen, man kann urige Laute au sstoßen,
man kann der Schwester mit der freien Hand hinten draufklopfen oder ihr
wenigstens quer durch den Raum zärtliche Worte ins Ohr raunen. Auch mit
ein paar laut intonierten deftigen Schnaderhüpfln und Jodelversuchen
erobern sie sich die Herzen dieser einfachen Leute im Nu. Oder man
unterhält alle durch kernige Witzchen und Anekdötchen über die Bayern im
allgemeinen und bayerisches Dialysepersonal im besonderen. Und wenn die
Pointen dabei nicht zu schwer zu begreifen sind, dann muss sogar der
Seppl so lachen, dass er sich am Bier verschluckt und sich vor Vergnügen
so auf seine nackten Oberschenkel haut, dass dort noch lange die roten
Abdrücke seiner gutentwickelten Maßkrughalter zu sehen sind. Alle sind
nun wieder fröhlich und lustig - fast alle!
Denn anderen Dialysegästen wiederum mag vielleicht das Bayerische nicht
so sehr liegen oder, wer weiß, sie haben das Gelübde abgelegt, nicht
eher wieder zu lachen oder ein Wort zu sprechen, als bis sie
einigermaßen heil an Leib und Seele von der Urlaubsdialyse in den Alpen
in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Ja, sie kommen schon grußlos zur
Hüttentür herein, legen sich gottergeben auf ihr Lager und warten aufs
Ende - - - der Dialyse. Nur das Marei behauptet, sie hätte schon
gelegentlich beim Abschätzen des Blutdrucks, wenn sie ganz nahe neben
ihnen gestanden ist, ein Stoßgebet murmeln hören: Herr, ich danke dir,
dass ich nicht so bin wie diese da! Aber sie wird sich wohl getäuscht
haben.
Schließlich ist es doch eine alte und unbestrittene Tatsache: ,,Keine
Kohle, kein Feuer kann brennen so heiß wie die heimliche Liebe zwischen
Bayern und ,,Preiß"!
Nun wird vielleicht noch mancher wissen wollen, wo sie denn nun zu
finden ist diese idyllische Feriendialyse in den bayerischen Bergen.
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Gott sei Dank, oder leider, wie man will, es gibt sie nicht, weil die
ganze Geschichte natürlich nur ein Märchen ist. Aber man weiß ja, dass
vielen Märchen ein wahrer Kern zu Grunde liegt und, kann man’s wissen,
vielleicht auch diesem?
H. Lackner
kgl. bayrischer Dialysepfleger
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